Schattenlicht – und was dahintersteckt
Shakarami las zwei Passagen aus ihrem aktuellen Roman Schattenlicht: die Geschichte der Austauschschülerin Billie, die in Kanada auf eine neue Clique trifft, gewaltige Naturerfahrungen macht – und in Beziehungsmuster gerät, die sie an ihre Grenzen bringen. Inspiriert ist der Roman von Shakaramis eigenem mehrjährigen Kanada-Aufenthalt, doch die toxischen Dynamiken, die Billie erlebt, sind bewusst literarisch konstruiert – und das ist der Punkt.
Denn Shakarami übt nach der Lesung deutliche Kritik an einem Genre-Trend: Zu viele aktuelle Jugendromane und Young-Adult-Titel, findet sie, glorifizieren toxische Beziehungen, statt sie zu hinterfragen. Ihr Gegenentwurf: Figuren, die trotz allem handlungsfähig bleiben. Billie findet – unterstützt durch starke Freundinnen und Bezugspersonen – einen Weg heraus. „Kraft in sich gefunden” – das ist kein Werbeslogan, sondern Programm.
Drei Romane, drei Welten – eine Stimme
Die Schülerinnen und Schüler hatten sich gut vorbereitet und stellten Fragen, die tief in den Schreibprozess führten. Wie entsteht ein Roman? Shakarami beschreibt es so: Am Anfang steht eine große Idee – „wie ein Urknall”. Es folgt eine Phase des Chaos, in der Figuren und Szenen entstehen, ohne dass das Ende schon feststeht. Dann schreibt sie strikt chronologisch – und am Schluss wartet ein tränenreicher Abschied von den Figuren, die sie begleitet haben.
Ihre drei bislang veröffentlichten Romane trägt sie sehr unterschiedlich nah am Herzen. Tokyo Rain, ihr Erstling – inspiriert von einem Japanaufenthalt nach dem Abitur – bezeichnet sie selbst als literarisch noch im Entstehen begriffen. Und doch ist er ihr besonders kostbar: als Beweis, dass es möglich war. Sie nennt ihn ihre „Mondlandung”.
Sturmflirren, ihr zweiter Roman, entstand aus Erfahrungen in Katar – wilden Wüstenpartys im Grenzland zu Saudi-Arabien, extremen Kontrasten zwischen Gefahr und Freiheit. Für Shakarami ist es inhaltlich ihr wichtigster Roman: Er zeigt, wie privilegiert wir sind, unsere Identität frei leben und unsere Persönlichkeit immer wieder neu erfinden zu dürfen. Ein indirekter Appell, diese Freiheit ernst zu nehmen – und zu verteidigen.
Moodboards, Lamas und ein Versprechen
Auf die Frage nach ihren Lieblingsfiguren antwortete sie mit einem Schmunzeln: Es seien oft die skurrilen Tiere – die Nacktkatze, das spuckende Lama – und die starken Nebenfiguren, etwa die queere Tante und ihre Partnerin in Schattenlicht. Und auf die Frage nach Schreibblockaden? Kreative Pause, Umdefinition – kein Drama.
Ausblick: 2027 erscheinen ein neuer Jugendroman und Shakaramis erster Erwachsenenroman – beide spielen in Deutschland. Für eine Autorin, für die Reisen Leben und Inspiration bedeuten, ein bewusster Schritt ins Vertraute.
Die Lesung endete mit einem Appell, der im Saal nachklang: Seht eure Freiheit als Privileg. Und umgebt euch mit Menschen, die euch nicht dimmen – sondern Flügel verleihen.
Die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler hatten die Lesung mit Moodboards zu den Romanen vorbereitet, die in der Schulbibliothek entstanden waren – und Shakarami war so begeistert, dass sie über Social Media darum bat, die Boards direkt an sie zu schicken. Ein Riesenkompliment.